Die Schattenseiten des „Functional Training“

18. April 2018
Training
Coaching, Functional Training

„Funktionelles Training ist die Fähigkeit des menschlichen Körpers durch mehrgelenkige und dreidimensionale Bewegungen situationsabhängige Aufgaben zu erfüllen.“

Diese Art des Trainings beinhaltet komplexe Bewegungsmuster, welche mehrere Gelenke und Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen. Funktionell ist diese Trainingsform deshalb, weil sie sich an die natürlichen und alltäglichen Bewegungen des menschlichen Körpers anlehnt.

Das „Functional Training“ erlebt zurzeit einen sehr großen Hype und es gibt immer mehrere Befürworter dieser Trainingsmethode. Auch die Wissenschaft ist sich einig, dass mehrgelenkige und freie Trainingsübungen einen sehr positiven Effekt auf den menschlichen Körper haben.

Der Trend bewegt sich eindeutig weg von geführten Bewegungen in Trainingsmaschinen hin zu „freien Übungen“ mit dem eigenen Körpergewicht und Zusatzgewichten wie Kettlebells, Sandbags oder Kleingeräten wie dem Sling-Trainer oder verschiedenen Bändern.

 Der Ruf des "Functional Training"

Durch die Erkenntnis, dass funktionelles Training eine sehr effektive und nachhaltige Methode und heutzutage „modern“ geworden ist, wollen viele dem Ruf des „Functional Training“ folgen.

Die sozialen Netzwerke sind voll von Beiträgen, welche Personen bei der Ausführung der verschiedensten, Achtung Sarkasmus: „funktionellen Übungen“ zeigen. Es sieht fast so aus, als gäbe es einen Wettbewerb, bei dem es darum geht die funktionellste Übung zu erfinden. Dabei entstehen sehr viele, teilweise auch lustige aber leider auch meistens gefährliche Übungen.

Viele Fitnessstudios stocken ihr Equipment mit funktionellen Geräten auf, um das eigene Angebot zu erweitern und sich dem Trend anzupassen.
Jeder bietet „funktionelles Training“ an, viele praktizieren es, doch nur die Wenigsten wissen eigentlich was funktionelles Training ist. 

 Fluch und Segen

Und genau da liegt das große Problem. Nur weil jemand mit einem Sling-Trainer oder einer Kettlebell trainiert, Body-Weight-Übungen macht oder sonst eine „cool ausschauende“ Übung absolviert, ist sein Training noch lange nicht funktionell. Im Gegenteil!

Übungen mit freien Gewichten sind deshalb so effizient und nachhaltig, weil sie eine gute Basis voraussetzen, komplexe Bewegungsabläufe benötigen und meistens sehr intensiv sind. Jedoch fehlt den meisten Menschen bereits die Basis um richtig trainieren zu können, ganz zu schweigen davon, dass komplexe Bewegungsabläufe aufgrund von Dysfunktionen und mangelnder Beweglichkeit sowie Kontrolle erst gar nicht ausgeführt werden können. 

Die Verletzungsgefahr bei freien "funktionellen" Übungen ist um ein Vielfaches größer, als bei Übungen an Maschinen (wobei auch diese bei falscher Einstellung mehr Schäden als Vorteile mit sich bringen können). Es ist also umso wichtiger, die Übung korrekt auszuführen und die notwendige Grundlage geschaffen zu haben. Leider ist dies bei sehr vielen Trainierenden nicht der Fall...

Nichts desto trotz, jeder will funktionelles Training machen und anbieten, unabhängig vom eigenen Wissen oder den Voraussetzungen.

Das führt dazu, dass viele Menschen freie, also logischerweise auch „funktionelle“ Übungen machen ohne überhaupt die Basis dafür zu haben. So nach dem Motto: „Wenn alle es machen, mach ich es auch“. 

Schmerzen durch funktional Training

Ich sehe jeden Tag aufs neue Videos und Fotos von „funktionellen Übungen“, welche mir bereits beim Zusehen Schmerzen verursachen.  Falsche Bewegungsausführungen stehen mittlerweile bei Instagram auf der Tagesordnung. Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen beim Training selbst verletzten und Schäden zufügen.

Wir bekommen immer mehr Anfragen von Schmerzpatienten, welche sich ihre Verletzung beim Training (!!!) zugezogen haben. Oftmals haben sie selbst den Fehler gemacht und ohne dem notwendigen "Know How" trainiert, meistens aber lag es an der mangelnden oder inkompetenten Betreuung von Seiten des verantwortlichen Fitnesstrainers oder Kursleiters. Dies finde ich selbst als Trainer und Sportwissenschaftler ein großes Manko von Seiten anderer Trainer und Sportstätten. Meine primäre Aufgabe als Coach ist es meine Klienten nicht zu verletzen (sollte es zumindest sein). Leider sehe ich oft, dass dies nicht für alle meine Kollegen gilt. 

Das Word „Functional Training“ ist so ein Verkaufsschlager geworden, dass viele einen persönlichen Vorteil daraus ziehen wollen. Demzufolge beginnen viele Fitnessstudios und Kurzleiter mit funktionellem Training zu werben, sich Kettlebells und ähnliches anzuschaffen und „funktionelles Training“ anzubieten, selbst jedoch keine Ahnung davon haben wie damit umgegangen werden soll und noch weniger welche Vorrausetzungen derjenige braucht, der diese Geräte benutzt. 

 Was ist eigentlich funktionell?

Ein Training wird nicht funktionell, nur weil moderne Geräte wie Battleropes, einen „Functional Training Tower“ oder Slamballs verwendet werden. Funktionell bedeutet auch nicht mit einem TRX, auf einem Wackelbrett, mit einem Biniband zwischen den Beinen und einer Kettlebel in der einen Hand, Single Leg Squats zu machen, auch wenn diese Übung sicher cool ausschaut.

 

Funktionell bedeutet für jeden etwas anderes!

Eine Übung alleine kann nicht funktionell sein!

Es kommt immer darauf an, wer diese Übung macht und noch wichtiger, welche Voraussetzungen hat diese Person. Hat sie überhaupt die Kompetenz für diese Bewegung, ist ausreichende Beweglichkeit vorhanden, ist der Rumpf bereit dafür, …

Viele Fragen die nur beantwortet werden können, wenn der Körper der Trainiert, werden soll überprüft und getestet wird. Jeder Körper ist verschieden, jeder hat andere Voraussetzungen, jeder Mensch ist anders!

Eine Übung kann für den einen sehr „funktionell“ für den anderen ein „no go“ sein! Auf Individualität kommt es hierbei also an!

 Functional vs. dysfunktion

Die „funktionellste“ Übung der Welt, kann auf einem dysfunktionalen Körper Schäden verursachen, deshalb gilt es immer mit Bedacht und dem Wissen über die Kompetenz und dem Können des eigenen Körpers oder des eigenen Trainers an „funktionelle Übungen“ heranzugehen.

Wird funktionelles Training richtig eingesetzt, also auf jeden Menschen und seinen Körper basierend individuell aufgebaut und richtig betreut, so ist es eine sehr gute Methode seinen Körper langfristig und nachhaltig gesund und fit zu halten und auch Höchstleistungen zu erzielen!

Fabian Untersteiner Fellin